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Norbert Hahn: Der Meistermacher mit dem lilanen Handtuch

|   TSBV

Anfang Dezember beginnt die Weihnachtsmarktzeit. Zahlreich Besucher schlendern wieder zwischen Glühweinstand, Bratwurstbude und Lebkuchenhaus. Erstmals seit 50 Jahren wird auch Norbert Hahn mit seiner Frau in den Genuss des vorweihnachtlichen Spektakels kommen

Ein halbes Jahrhundert hat der im Harz Geborene, der seit Jahrzehnten in Oberhof lebt, an den Rodelbahnen der Welt zwischen Nagano und Lake Placid, zwischen Lillehammer und Sarajevo, verbracht. In der heißen Phase der Saison war an Vorweihnachtliches kaum zu denken. Nicht als erfolgreicher Sportler im legendären Doppel mit Hans Rinn und nicht als Weltklasse Trainer, der mehrere Generationen Rennrodler zu den größten Erfolgen führte. Bundestrainer Norbert Hahn verabschiedet sich in diesen Tagen von den Kufensportlern und genießt als Pensionär von nun an seinen Ruhestand. 

„Jetzt kommt mein dritter Lebensabschnitt. Jetzt kommt meine Familie, meine Tochter in Erfurt und mein Sohn in Dresden, die Enkelkinder. Ich freue mich und bin dankbar auch diese Zeit bewusst zu erleben“. Norbert Hahn wirkt nicht wehmütig als er von seiner Zeit als Athlet und als Übungsleiter erzählt. Wie aus dem Ärmel schüttelt er die Namen seiner Schützlinge. Hoffmann/Pietzsch, Krauße/Behrendt, Florschütz/Wustlich, Jens Müller, Karsten Albert, David Möller, Jan Eichhorn, Andi Langenhan, Susi Erdmann, Silke Kraushaar, Tatjana Hüfner und noch so viele andere aus der Talentschmiede Oberhof und dem gesamten Bundesgebiet haben Hahn viel zu verdanken. Allein mit den Kufensportlern aus dem Freistaat holte der scheidende Bundestrainer 125 Medaillen bei Olympia, Welt-und Europameisterschaften an den Rennsteig. Darunter 4 x Gold bei Olympia, 27 Weltmeister- und 25 Europameistertitel. Diese Zahlen ringen auch dem Sportlaien Respekt ab. In der Rodelszene aber untermauern sie das besondere Geschick Hahns und unterstreichen seinen Kultstatus. 

Auf der Suche nach den Gründen für den Erfolg beginnt man am besten beim 8-Jährigen Talent Hahn aus Wernigerode. Schon früh war er zielstrebig und sehr ehrgeizig. Mit 14 kam er 1968 nach Oberhof und bildete fortan mit Hans Rinn das legendäre Weltklassedoppel. Zwischen 1972 und 1980 dominierten beide die internationalen Wettkämpfe. Europameister, Weltmeister und zweimal in Folge Olympiasieger (Innsbruck 76 und Lake Placid 80). „Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören. Der Schritt ins Traineramt Anfang der 80er Jahre war der richtige“, ist sich Hahn auch heute noch sicher. Doch er begann nach seinem Studium an der DHfK Leipzig nicht gleich im Spitzensport. „Ich wollte weiter lernen, in der Trainertätigkeit wachsen. Deshalb habe ich die ersten Schritte an der Basis als Bezirkstrainer gemacht“, erklärt der 63-jährige. Sein Geschick im Umgang mit den Sportlern blieb nicht lange verborgen. Als Co-Trainer von Bernd Jäger arbeitete er für DDR-Nationalmannschaft in der Vorbereitung zu den Spielen 1988 im kanadischen Calgary. 1989 übernahm er dann als verantwortlicher Trainer die Oberhofer Trainingsgruppe. Gleich zu Beginn dieser Tätigkeit kam der politische Umbruch. „Gemeinsam mit dem damaligen Cheftrainer der BRD Sepp Lenz haben wir die zwei Nationalteams zusammengeführt und die Grundlage für die Erfolge der kommenden Jahre gelegt. Dass das nahezu reibungslos verlaufen ist, war schon klasse“, berichtet er stolz. 1995 erfolgt dann die Berufung zum Bundestrainer und seitdem steht Norbert Hahn im Starthaus. Er ist der, der die Sportler kurz vor dem Start nochmal einschwört, der letzte Tipps und den sprichwörtlichen letzten „Klapps“ gibt. Für eines ist „Hahni“, wie ihn einige seiner Schützlinge nennen, aber besonders bekannt. Ein lilanes Handtuch. „Ja, das gibt es wirklich. Das war überall dabei. Damit habe ich die Startspur vor jedem Start immer nochmal saubergemacht und irgendwie wurde das zu meinem Markenzeichen“. Das Handtuch habe er nicht mit nach Hause genommen versichert er, das hat er der kommenden Trainergeneration in Oberhof hinterlassen. Und plötzlich spürt man doch etwas Wehmut in seiner Stimme. „Ich bin solange dabei gewesen. Irgendwann muss man auch mal sagen, es ist gut und Platz machen. Es gibt auch aktuell in Oberhof herausragende Sportler und Trainer. Der Standort muss sich national und international vor niemanden verstecken. Wichtig ist es den jungen Talenten aus dem Nachwuchs klar zu machen, dass man nur mit 100%igem Einsatz in der Weltspitze ankommen kann“, rät der erfahrene Trainer und ergänzt: „Nach oben kommt man mit etwas Glück schnell. Alles dafür zu opfern oben zu bleiben, sich festzubeißen und immer weiter zu kämpfen, das ist die wirkliche Herausforderung im Spitzensport“. Auf die Frage, ob er ein „harter Hund“ als Trainer war, antwortet Hahn sehr schnell und sehr klar mit einem „JA“. „Als Trainer musst du auch ein Schwein sein. Du musst deine Sportler kennen, ihre Stärken und ihre Schwächen. Ich habe mich nie nur als Trainer, sondern auch als Vater und Freund gesehen. Ich habe stets Respekt von meinen Schützlingen gefordert. Aber egal ob in guten Phasen oder bei Misserfolgen, ich hatte auch immer große Achtung vor deren Leistung“, resümiert der Erfolgscoach. 

Und hört man sich bei den Sportlern um, kommt genau dieser gewinnende Dialog, das gegenseitige Verständnis von Trainer und Sportler, zur Sprache. Olympiasiegerin und Weltmeisterin Tatjana Hüfner beschreibt Norbert Hahn als einen Menschen, der seine Sportler niemals aufgab. „Es gibt zahlreiche Situationen in denen Norbert kurz vor Wettkampf der Einzige war, der mich noch erreichte. Er schaffte es mich dort abzuholen und mich nochmal zu motivieren ohne mich zu überfordern.“, erklärt sie dankbar. Eine Situation ist Hüfner dabei in besonderer Erinnerung: „Es war bei Olympia in Sotschi. In der Vorbereitung lief gar nichts. Ich habe im Training keinen einzigen Lauf fehlerfrei nach unten gebracht. Norbert schaute mich kurz vor dem Start zum Wettkampf an und sagte >Das ist dein Tag!< und am Ende holte ich olympisches Silber. Er kann einfach seine Sportler lesen. Das ist einzigartig“, unterstreicht sie ihre besondere Beziehung zu ihrem Trainer und Förderer. 

Hahn genießt nicht nur in Oberhof größten Respekt. National und international ist sein Wirken hoch anerkannt. Der Vorstandsvorsitzende des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland und langjähriger Wegbegleiter, Thomas Schwab, verdeutlich dies mit seiner Einschätzung: „Norbert zählt zu den erfolgreichsten Trainern die je im Bob- und Schlittenverband tätig waren. Ohne sein Mitwirken wären die Erfolge der vergangenen 20 Jahre nicht möglich gewesen. Aufgrund seiner menschlichen Art war und ist er unter den Athleten und auch bei den Kollegen sehr beliebt. Mit ihm verlässt den BSD einer seiner größten Trainerpersönlichkeiten“. Norbert Hahn hat den Rodelsport geprägt, er war Förderer, Meistermacher, Zuhörer, Impulsgeber und Vordenker. Als Sportler und Trainer hat er seine persönlichen Belange und Wünsche stets dem Erfolg untergeordnet. Jetzt hat er Zeit all das zu genießen, auf das er über Jahrzehnte verzichtet hat. Nicht wehmütig will er zurückblicken, sondern mit Stolz und Freude über die großen Erfolge. Darauf kann man mit ihm anstoßen. Vielleicht ja mit einem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt.
 

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